Ob bei Tagungen der G7 oder freitags in den unterschiedlichen europäischen Städten: wenn für Maßnahmen gegen den Klimawandel demonstriert wird, fehlt selten der Verweis darauf, dass ein Großteil der Demonstrierenden jung ist. Die Inszenierung der Klimawandelproteste als Generationenkonflikt ist jedoch gefährdet, Unsichtbarkeiten zu produzieren – und vergibt sich die Chance, zentrale Fragestellungen gemeinsam neu zu denken. Die Wirkweisen von defizitären Alter(n)sbildern und (implizitem) Ageism zu bedenken sowie Erkenntnisse der Kritischen Alternswissenschaften in den Klimadiskurs einzubeziehen, birgt auch für den Klimadiskurs neue Möglichkeiten.
Der Klimawandeldiskurs – ein Generationenkonflikt?
Greta Thunbergs Auftritt während des UN Klimagipfels am 23. September 2019 spiegelt dieses Bild wider, wenn sie in ihrer Rede sagt: „The eyes of all future generations are upon you. And if you choose to fail us I say we will never forgive you“ (Thunberg 2019). Auch wenn einzelne altersdiskriminierende Aktionen, etwa ein Kinderchor der „Meine Oma ist `ne Umweltsau“ singt, existieren, kann natürlich weder Greta Thunberg noch der Fridays for Future Bewegung, deren Verantwortlichen oder der Klimaschutzbewegung generell Altersfeindlichkeit vorgeworfen werden. Die diskursive Positionierung umweltbewusster Gruppen als Gegenüber zu den geldgierigen und ignoranten „Alten“ und Mächtigen, unterstrichen durch die wirkmächtige Bildsprache des kleinen Mädchens mit Zöpfen, findet sich jedoch regelmäßig in medialer Berichterstattung.
Der Klimawandeldiskurs findet dabei vor einem gesellschaftlichen Hintergrund statt, bei dem nicht nur in fiktionaler Literatur der demographische Wandel mit Metaphern wie dem „silver tsunami“ beschrieben wird. Apokalyptische Bilder des Klimawandels werden auf demographische Entwicklungen angewandt, um das angebliche Bedrohungsszenario dieser Entwicklung zu beschreiben.
Dass eine solche Bedrohung von einer wachsenden anspruchsvollen und relativ wohlhabenden Gruppe von Individuen ausgeht, die in kollektiver Abhängigkeit den Wohlfahrtsstaat beansprucht und damit eine Belastung für jüngere Generationen darstellt (vgl. Katz 1992, 203), stellt der kanadische Sozialgerontologe Stephen Katz schon 1992 in Frage und bezeichnet sie als „alarmist demography“ (Katz 1992). Der Aktualität und Wirkmächtigkeit dieser krisenhaften Metaphorik, mit der über den steigenden Altersdurchschnitt und die Gruppe der alten Menschen gesprochen wird, tut das keinen Abbruch.
Wird der Klimawandeldiskurs vor diesem Hintergrund als Generationenkonflikt thematisiert, besteht zuerst die Gefahr, dass dystopische Bilder „der Alten“ auch in die Überlegungen zu Verantwortung und Verhaltensnormen in Zeiten des Klimawandels einfließen. Darüber hinaus kann eine „De-Thematisierung“ (van Dyk 2020, 113) von zentralen Konfliktlinien durch den Generationenkonflikt beobachtet werden: Indem der Generationenkonflikt im Zentrum der Diskussion steht, verschwinden andere Ungleichheitslinien. Indem auf die Unterschiede in Verantwortung und Schuld verschiedener Generationen geschaut wird, fällt der Blick nicht auf die sehr unterschiedlich ausgeprägten Handlungsspielräume von Menschen beispielsweise mit unterschiedlichem sozio-ökonomischen Hintergrund. Indem die bedrohliche Zukunft junger Generationen betont wird, gerät aus dem Fokus, dass bereits die Gegenwart in vielen Regionen der Welt von maßgeblicher Umweltzerstörung geprägt ist.
Conclusio
Gerade mit Blick auf diese Herausforderungen ist zu hoffen, dass nicht die als Dichotomien konstruierten Kategorien „alt“ und „jung“ den Klimawandeldiskurs prägen. Gerade für diesen die Zukunft des Planeten prägenden Diskurs ist es notwendig, dass auf eine Rahmung als Generationenkonflikt, in dem es zuerst um Schuld und Verantwortung geht (vgl. Kainradl/Kriebernegg 2020), verzichtet wird und vielfältige Lebens- und Wissensformen, Erfahrungen und Perspektiven jenseits eindeutiger Kategorien und Kategorisierungen in ihren Ambivalenzen Platz bekommen.
Und so liegt gerade eine Chance dieser Krise darin, die Potentiale verschiedener Lebensphasen zu bedenken. Auch dem Klimawandeldiskurs kann das Nachdenken über neue Temporalitäten, wie es Kathleen Woodward mit dem Begriff der „Generational Time“ (Woodward 2020) macht, neue Impulse geben. Die Beschäftigung mit altersdiskriminierenden Metaphern und Handlungen kann darüber hinaus deutlich machen, dass ein einseitig leistungsorientiertes, autark-autonomes Menschenbild nicht nur für ein gutes Leben im Alter schädlich ist. Die Notwendigkeit, Vulnerabilität und Abhängigkeit neu zu denken zeigt sich auch im Eingebettetsein in natürliche Kreisläufe und ist eine gemeinsame Fragestellung für die Kritischen Alternswissenschaften wie den Klimawandeldiskurs. Und diese Chance sollte genutzt werden.
ÜBER DIE AUTORINNEN
Ulla Kriebernegg ist Amerikanistin, Leiterin des Zentrums für Interdisziplinäre Alterns- und Care-Forschung der Uni Graz (CIRAC), Gründerin und Vorsitzende der Age and Care Research Group Graz (ageandcaregraz.at) und Lehrbeauftragte an der Medizinischen Universität Graz. Stv. Vorsitzende des European Network in Aging Studies (ENAS), Mitherausgeberin der Buchreihe „Aging Studies“. Mitglied des Humanities, Arts and Cultural Gerontology Committee der Gerontological Society of America und Associate Editor deren Journals „The Gerontologist”. Seit 2020 Fellow des Trent Centre for Aging and Society (Kanada).
Anna-Christina Kainradl ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Zentrum für Interdisziplinäre Alterns- und Care-Forschung (CIRAC) und unterstützt die Koordination des Forschungsnetzwerks Heterogenität und Kohäsion der Universität Graz. Sie unterrichtet seit 2009 in Lehraufträgen das Fach Medizinethik an der Medizinischen Universität Graz und arbeitet in Projekten im Bereich der Aging- und Care-Studies. Derzeit schreibt sie ihre Dissertation im Bereich Public Care am Institut für Pastoraltheologie und Pastoralpsychologie und behandelt darin den Zugang älterer Migrant*innen zum österreichischen Gesundheitswesen unter dem Blickwinkel zweier Gerechtigkeitstheorien.
Katz, Stephen (1992). Alarmist Demography: Power, Knowledge, and the Elderly Population. Journal of aging studies (Vol 6, Nr 3), 203–225.
van Dyk, Silke (2020). Soziologie des Alters. 2. Aufl. Bielefeld/Stuttgart, transcript Verlag; UTB.
Woodward, Kathleen (2020). Ageing in the Anthropocene: The View From and Beyond Margaret Drabble’s The Dark Flood Rises. In: Elizabeth Barry/Margery Vibe Skagen (Hg.). Literature and ageing. Boydell & Brewer.