“Eighty years of owning the spice fields. Can you imagine the wealth?”
Dune (2021)
Fossile Rohstoffe wie Erdöl, Erdgas oder Kohle sind nicht nur der Antriebsmotor der industriellen Revolution in der nördlichen Hemisphäre dieser Weltgesellschaft, sondern waren auch seit jeher ein Zankapfel zwischen den Kolonialmächten im globalen Süden, was wiederum dazu führte, dass über Jahrzehnte hinweg globale und regionale Machtstrukturen entstanden, die von politischen Konflikten und kriegerischen Auseinandersetzungen in ressourcenreichen Regionen begleitet wurden. Man möchte daher meinen, dass durch die von den Industrienationen angestrebte Energiewende und der damit notwendig gewordene Ausstieg aus fossilen Energieträgern ein Ende solcher Ressourcenkonflikte herbeiführen sollte. Doch die jüngsten politischen Entwicklungen weisen eher darauf hin, dass anstelle der einst so begehrten fossilen Energieträger nun ein anderer Rohstoff tritt, der nicht weniger umstritten ist. Die Rede ist von „seltenen Erden“, welche für die kommende Energiewende unerlässlich sind und schon bald in naher Zukunft für neue Ressourcenkonflikte sorgen dürften – diesmal jedoch nicht im globalen Süden, sondern im globalen Norden.
Seltene Erden und ihre Bedeutung für die zukünftige Energiewende
Seltene Erden sind eine Gruppe von 17 natürlich vorkommenden Elementen des Periodensystems, die sich aus 15 Elementen der Lanthanidenreihe sowie Yttrium und Scandium zusammensetzt. Die weltweit vorhandenen Reserven werden derzeit auf ca. 130 Millionen Tonnen geschätzt, wobei der Bedarf nach seltenen Erden seitens der Elektromobilität und anderer Hightech-Produkte in Zukunft sehr stark angestiegen ist. Allein im Jahr 2022 betrug die weltweite Produktion von Seltenerdmetallen 300.000 Tonnen, wobei der Hauptproduzent derzeit die Volksrepublik China ist, deren größte Lagerstätte, die Bayan Obo-Mine, in der Inneren Mongolei liegt. In den USA ist die Mountain Pass-Mine in Kalifornien eine wichtige Quelle, in Australien gilt die Mount Weld-Mine in Westaustralien als besonders bedeutend. Jedoch sind weltweit noch nicht alle Lagerstätten hinreichend erschlossen. So werden erhebliche Vorkommen an Seltenerdmetallen in Grönland entlang der Küste vermutet, insbesondere in der Provinz Gardar. Ebenso wenig erschlossen sind die Vorkommen von seltenen Erden in Europa. Schweden verfügt über bedeutende Reserven, vor allem in der Per-Geijer-Lagerstätte, die insbesondere für die Europäische Union in Zukunft von Interesse sein dürfte, wenngleich dort noch kein Abbau stattfindet.
In letzter Zeit ist vor allem im Hinblick auf die bevorstehende Energiewende immer öfter von seltenen Erden die Rede, die in vielen technologischen Anwendungen in Zukunft Verwendung finden sollen, darunter in der modernen Elektronik und Technik. So stellen beispielsweise die beiden seltenen Erden Neodym und Praseodym einen wichtigen Bestandteil für die Herstellung von Permanentmagneten dar, welche in Elektromotoren von Elektrofahrzeugen und Windkraftanlagen verwendet werden. Im Feld der erneuerbaren Energien spielen diese Magnete in Elektromotoren von Elektrofahrzeugen und Windkraftanlagen eine unerlässliche Rolle. In der Kommunikationstechnologie werden Yttrium und Erbium bei der Herstellung von optischen Fasern und Lasern verwendet, was für den Auf- und Ausbau des Breitband-Internets von entscheidender Bedeutung ist. Die beiden seltenen Erden Europium und Terbium sind hingegen für die Herstellung von Leuchtstoffen unerlässlich, zumal diese in LED-Anzeigen und Leuchtstofflampen zur Anwendung kommen. In der Elektronik zählen zu den am häufigsten verwendeten Seltenerdmetallen die Elemente Lanthan, Cerium, Neodym, Samarium, Europium, Terbium und Dysprosium.
Und freilich darf auch der Nutzungsbereich der Verteidigung nicht fehlen: So benötigt beispielsweise ein amerikanisches Unterseeboot der Virginia-Klasse etwa vier Tonnen an Seltenerd-Metallen, ein Zerstörer der Arleigh Burke-Klasse mehr als zwei Tonnen und ein Kampfjet des Typs F-35 immerhin noch über 400 Kilogramm. Als weitere Einsatzfelder gelten die Luft- und Raumfahrttechnik, Überwachungssysteme und Laser. Oder anders ausgedrückt: Je moderner und technologisch anspruchsvoller das Militärgerät wird, desto vielfältiger sind der Einsatzbereich und damit der Gebrauch von seltenen Erden für die Streitkräfte der Zukunft. Zusammenfassend lässt sich also festhalten: Unabhängig davon, ob seltene Erden im zivilen oder im militärischen Bereich zum Einsatz kommen, bilden diese zusammen mit einer Reihe weiterer Rohstoffe wie Kobalt oder Lithium die elementare Grundlage für die (Zukunfts-)Technologien der Energiewende, wie beispielsweise vollelektrische Autos, Batterien und vernetzte Industrie 4.0-Anwendungen.
Politische Ressourcenkonflikte um seltene Erden
Dort, wo nach materiell Wertvollem geschürft wird, ist der politische Konflikt nicht weit. Auch seltene Erden machten in der Vergangenheit diesbezüglich keine Ausnahme. Ein bekanntes Beispiel hierfür ist der Abbau des Mineralerzes Coltan (Columbit-Tantalit) in der Demokratischen Republik Kongo in Zentralafrika. Der Abbau dieser seltenen Erde ist zugleich untrennbar mit Bürgerkriegsgruppen und Menschenrechtsverletzungen verbunden. In der vom Bürgerkrieg heimgesuchten Provinz Kivu nutzten lokale Warlords Coltan-Minen, um aus den Gewinnen ihre Waffenkäufe und Söldner zu finanzieren und schreckten dabei nicht vor Mord oder Kinderarbeit zurück. Coltan gilt als eine wichtige Quelle für die Gewinnung von Tantal, das in der Herstellung von Mikroelektronik verwendet wird. Ein weiteres Beispiel ist der Wettbewerb um Lithium, das für die Produktion von Batterien für Elektrofahrzeuge und andere Technologien benötigt wird. Länder wie China, die USA und Australien führen mittlerweile einen erbitterten Wettbewerb um die Kontrolle der Lithium-Lieferketten. Sophia Kalantzakos, Professorin für Umweltwissenschaften und Public Policy an der New York University mit den Schwerpunkten Energiepolitik und Geopolitik, gelangt in ihrer Analyse zu der Einschätzung, dass die Klimakrise und die vierte industrielle Revolution mit ihren bahnbrechenden Technologien wie Künstliche Intelligenz und 5G-Netzwerke die Welt auf einen geopolitischen Kollisionskurs bringen würden. Demnach hängen sowohl die Anstrengungen in Richtung Dekarbonisierung als auch der Kampf um die globale technologische Vorherrschaft von kritischen Mineralien wie seltenen Erden, Lithium und Kobalt ab, die alle konzentriert an einigen wenigen Orten, wie etwa in China, vorkommen. Dem ist hinzuzufügen, dass sich Ressourcenkonflikte keineswegs nur auf den Hauptproduzenten China beschränken, sondern sich mittlerweile auf andere Regionen im globalen Norden ausgeweitet haben. So ist die seit dem Jahr 2014 schwer umkämpfte Region Donbass in der Ukraine dafür bekannt, dass sie über reiche Vorkommen an Lithium und Titan verfügt. Schätzungen zufolge, belaufen sich die Vorkommen an Lithium in der Ukraine auf etwa 500.000 Tonnen, was sie zu einem der größten Lithiumreserven Europas macht. Lithium nimmt eine besonders wichtige Stellung bei der Produktion von Batterien für Elektrofahrzeuge und Halbleiter ein. Ebenso bedeutend sind die Titanreserven, welche in der Rüstungsproduktion und Luftfahrt verwendet werden. Darüber hinaus existieren auch noch andere seltene Erden wie Kobalt oder Uran, welche für verschiedene industrielle und technologische Anwendungen unerlässlich sind. Für internationales Aufsehen sorgt derzeit nicht nur der Umstand, dass der erneut gewählte US-Präsident Donald Trump ein reges Interesse an den beachtlichen Ressourcen von seltenen Erden in Grönland bekundet hat, sondern auch, dass der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj den USA auch Zugang zu den Lagerstätten in der Ukraine im Gegenzug für militärische Hilfen und Sicherheitsgarantien angeboten hatte, obwohl viele der von Trump ersehnten Seltenerdmetallen in Gebieten liegen, die gar nicht von Kiew kontrolliert werden.
Conclusio: Nachhaltigkeit statt Ausplünderung neuer Ressourcen
Durch die geografische Konzentration von seltenen Erden und der steigenden Nachfrage nach High-Tech-Produkten und grünen Technologien ist auch in Zukunft damit zu rechnen, dass sich der erbitterte Kampf um seltene Erden noch weiter verschärfen wird. Um politische Konflikte oder gar militärische Eskalationen um seltene Erden zukünftig zu vermeiden, wären folgende Ansätze denkbar:
Diversifizierung der Lieferketten: Zur Verringerung der Abhängigkeit von bestimmten Ländern wäre es dringend vonnöten, die Lieferketten von seltenen Erden zu diversifizieren. Dazu wäre es auch sinnvoll, in die Entwicklung neuer Technologien zu investieren, die weniger oder keine seltenen Erden benötigen.
Internationale Zusammenarbeit und Abkommen: Um faire Handelspraktiken zu fördern, müsste der Handel mit seltenen Erden durch internationale Abkommen reguliert werden. Durch solche Abkommen könnten zudem auch Umwelt- und Sozialstandards für den Abbau und die Verarbeitung dieser Rohstoffe festgelegt werden. Dabei könnten auch lokale Gemeinschaften in Ländern gestärkt werden, in denen solche Rohstoffe abgebaut werden.
Förderung von Recycling und Wiederverwendung: Um die Abhängigkeit von Seltenerdenmetallen zu verringern, wäre es dringend vonnöten, nachhaltige Konzepte für Wiederverwertung und Recycling von seltenen Erden zu entwickeln, was durch Investitionen in Forschung und Entwicklung sowie durch die Schaffung von Anreizen für Unternehmen geschehen könnte.
Über den Autor
Ronald H. Tuschl (Mag. Dr. phil., BEd MA) lehrte und forschte von 1996 bis 2013 an der European Peace University (EPU) und am Austrian Study Center for Peace and Conflict Resolution (ASPR) in Stadtschlaining. Er ist seit 2015 als ständiger Lehrbeauftragter am Institut für Bildungsforschung und PädagogInnenbildung (IBP) an der Karl-Franzens-Universität Graz tätig.