Mit dem DigComp 2.3 AT wurde ein Meilenstein für digitale Bildung in Österreich gesetzt. Aufbauend auf dem europäischen Rahmenmodell entstand ein adaptierter, „aufgeklärter“ Standard, der die gesellschaftliche Anforderungen der Digitalität im Sinne des „digitalen Humanismus“ mit Fokus auf Teilhabe und Urteilsfähigkeit aktualisiert. Der folgende Beitrag zeichnet dessen Entstehung und Entwicklung nach und informiert über den gerade laufenden, nächsten Entwicklungsschritt des Kompetenzmodells.
Digitale Kompetenzen für alle
Digitalisierung prägt alle Lebensbereiche und verändert unsere Gesellschaft nachhaltig. Schon lange ist klar: Digitale Technologien sind nicht mehr nur Werkzeuge für Spezialist:innen, sondern elementare Bestandteile der aktuellen Lebenswelt – der sogenannten Digitalität. Diese Entwicklung erforderte ein umfassendes Verständnis und neue Fähigkeiten für alle – im Sinne der sicheren, kritischen und verantwortungsvollen Nutzung von und Auseinandersetzung mit digitalen Technologien für die allgemeine und berufliche Bildung, die Arbeit und die Teilhabe an der Gesellschaft. So definiert der Rat der EU digitale Kompetenzen in seinen Empfehlungen zu Schlüsselkompetenzen für lebenslanges Lernen.
Vor diesem Hintergrund begann in Österreich 2018 die Arbeit an einem nationalen digitalen Kompetenzmodell, das dem europäischen DigComp-Rahmen folgt, aber diesen basierend auf laufenden, kritischen Analysen und Konsultationsprozessen weiterschreibt. Ziel war – und ist – es, eine Grundlage zu schaffen, auf der Bildung, Arbeitsmarkt und Gesellschaft digitale Transformation verantwortungsbewusst gestalten können.
Von DigComp 2.1 zu DigComp 2.2 AT: Erste Schritte
Die Basis bildete das europäische DigComp 2.1-Modell (2017), das 21 Kompetenzen in fünf Kompetenzbereichen strukturiert. 2018 durfte ich eine Arbeitsgruppe im Auftrag des Digitalisierungsministeriums leiten, die dieses Modell unter dem Titel DigComp 2.2 AT (2018) kritisch revidierte, erstmals ins Deutsche übersetzte und – insbesondere! – um den zusätzlichen Kompetenzbereich: 0. Grundlagen und Zugang ergänzte. Dieser Bereich betont, dass digitale Teilhabe nur dann möglich ist, wenn Konzepte der Digitalisierung grundsätzlich verstanden, digitale Geräte bedient sowie inklusive Formen des Zugangs zu digitalen Inhalten genützt bzw. bereitgestellt werden können. Genau genommen eine Selbstverständlichkeit, die der europäische DigComp leider bis dato nicht enthält – bei aller Wertschätzung für dieses solide Modell.
Die Entstehung von DigComp 2.3 AT – wenig, aber wesentlich Neues
2018 startete auch der Verein fit4internet ein mehrjähriges Forschungs- und Entwicklungsprogramm, dessen Stärke u.a. in seiner ausgesprochenen Interdisziplinarität bestand. In Workshops, Experteninterviews und Praxistests wurden Erfahrungen aus Bildung, Arbeitswelt und Gesellschaft gesammelt und diskutiert – und zwar mit zweierlei Zielen:
- Die Entwicklung von Tools zur Selbsteinschätzung und Messung digitaler Kompetenzen.
- Die laufende Fortschreibung und Aktualisierung des digitalen Kompetenzmodells.
Ein Resultat dieser Arbeit war die Veröffentlichung des DigComp 2.3 AT Ende 2022 – eine konsequente Weiterentwicklung des bisherigen Modells in Anbetracht der zwischenzeitlichen Weiterentwicklung und Bewusstseinsbildung in der Digitalität.
DigComp 2.3 AT erweitert den DigComp 2.2 AT in einigen wenigen, aber wesentlichen Punkten:
- Urteilsfähigkeit: Der Bereich „Grundlagen und Zugang“ wurde um den Bereich „digitales Verständnis“ erweitert, um die Notwendigkeit der kontinuierlichen Auseinandersetzung mit der Digitalität und die Entwicklung entsprechender Urteilsfähigkeit zu betonen. Digitale Entwicklungen erfordern von Bürger:innen ja letztlich auch verantwortete Entscheidungen in demokratischen Prozessen; und diese müssen in Bildungsprozessen grundgelegt werden. An diesem Punkt setzt auch meine persönliche „Ultrakurzfassung“ des Themas digitale Kompetenzen an. Die lautet schlicht und einfach: DENKEN ist die wichtigste digitale Kompetenz. In Zeiten von KI ist das um so wesentlicher – ich komme am Schluss dieses Beitrags darauf zurück …
- Publikation: Der Bereich „Kreation, Produktion und Publikation“ umfasst mit der Version 2.3 des DigComp AT nun auch die Fähigkeit, Inhalte rechtskonform und verantwortungsbewusst in digitalen Öffentlichkeiten zu veröffentlichen – ein gesellschaftlicher Meilenstein insbesondere bedingt durch die sog. Sozialen Medien, den u.a. Jürgen Habermas in seinem Buch Ein neuer Strukturwandel der Öffentlichkeit und die deliberative Politik ins öffentliche Bewusstsein gerufen hat.
- Nachhaltigkeit: Der Bereich „Sicherheit“ ist nun um Aspekte nachhaltiger Ressourcennutzung ergänzt – angesichts der hohen ökologischen Belastungen des Planeten durch die IT-Branche ein notwendiger Schritt, der aktuell durch die KI-Entwicklungen nochmals an Brisanz gewinnt.
Insgesamt umfasst das Modell, wie gehabt, sechs Kompetenzbereiche und – nunmehr – 27 Einzelkompetenzen, die in acht Stufen differenziert sind – korrespondierend mit dem Nationalen Qualifikationsrahmen (NQR). Damit wird eine einigermaßen präzise Verortung digitaler Kompetenzen möglich, was naturgemäß zur Frage der Selbsteinschätzung bzw. – möglichst validen – Überprüfung digitaler Kompetenzen führt.
Hilfen zur Standortbestimmung in Sachen digitaler Kompetenz
Eines sei an der Stelle vorausgeschickt: Die auf statistischen Methoden beruhende Messung digitaler Kompetenzen ist, wie in allen Anwendungsfällen der Statistik, auf den jeweiligen Einzelfall nur mit Augenmaß und „hermeneutischem Takt“ anwendbar, ermöglicht aber dennoch eine gute Orientierungsbasis für alle Beteiligten. Mit diesem Vorverständnis wurden zwischen 2018 und 2023 von fit4internet Selbsteinschätzungs-Tools und Quizformate (https://www.fit4internet.at/page/assessment/) sowie mit Dig-CERT (https://dig-cert.at/) auch ein generisches Zertifizierungsformat entwickelt, die allen Interessierten niederschwelligen, unkomplizierten Zugang zu ihrem Kompetenzprofil ermöglichen. DigComp 2.3 AT bildet hierfür natürlich die Hintergrundfolie. Und Interdisziplinarität war auch hier die Grundlage der erfolgreichen Entwicklungszusammenarbeit, die in folgendem Artikel der Medienimpulse ausführlich dargestellt ist: https://journals.univie.ac.at/index.php/mp/article/view/7725.
Diese Tradition der interdisziplinären Zusammenarbeit, die damals begründet worden ist, hat sich erfreulicherweise auch über die diversen organisationsentwicklerischen „Bodenschwellen“ hinweg erhalten, die in der Praxis ja immer wieder vorkommen: nicht zuletzt ein Verdienst der aktuell agierenden Personen, die mit der Initiative Digital Überall überdies einen bemerkenswerten, breitenwirksamen, inklusiven Akzent gesetzt haben: https://www.digitalekompetenzen.gv.at/DigitalUeberall.html.
Über die DKO zum NRDK beim OEAD
Auch Österreich pflegt seine „alphabet soup“ aka „Buchstabensuppe“. Diverse größere und kleinere Entwicklungen in der Kompetenz- und Personalverteilung der Bundesministerien führten in den letzten Jahren dazu, dass die zentrale Rolle des Vereins fit4internet von der Geschäftsstelle Digitale Kompetenzen beim OEAD übernommen worden ist: https://oead.at/de/bildung-digital/geschaeftsstelle-digitale-kompetenzen. Treibend war hier zeitweilig die sog. Digitale Kompetenzoffensive DKO https://www.digitalaustria.gv.at/Strategien/DKO-Digitale-Kompetenzoffensive.html; die konkreten Schritte der neuen Bundesregierung sind diesbezüglich noch abzuwarten.
Die Verantwortlichen der Geschäftsstelle haben jedenfalls über alle Schwierigkeiten der Transition hinweg bisherige Erfahrungen und gute Praktiken sowie das Netzwerk bislang agierender Expert:innen aufgenommen und weiterentwickelt. Erwähnenswert ist hier insbesondere die Integration des DigComp AT in den sog. Nationalen Referenzrahmen für Digitale Kompetenzen NRDK https://www.digitalekompetenzen.gv.at/kompetenzen.html. Dieser kombiniert den DigComp mit konkreten Anwendungsfällen sowie Governance-Empfehlungen und schafft gewissermaßen den „Container“, in dem es möglich sein wird, österreichische Akzente bei gleichzeitiger Kohärenz mit dem europäischen DigComp zu perpetuieren.
Fazit: Ein Modell mit Zukunft
Mit DigComp 2AT hat Österreich jedenfalls ein Kompetenzmodell geschaffen, das durch den Kompetenzbereich 0. weit über die Vermittlung technischer Fertigkeiten hinausgeht. Es assoziiert Bildung, Demokratie und Nachhaltigkeit mit einem europäisch kohärenten Rahmen der Kompetenzentwicklung, der – besonders wichtig! – in partizipativen Prozessen laufend kritisch reflektiert und, wenn notwendig, aktualisiert wird.
Stichwort aktualisiert: Chat GPT hat das Thema KI ins Bewusstsein der Allgemeinheit katapultiert. Aktuell moderiere ich einen Konsultationsprozess im Auftrag der Geschäftsstelle, in dem insbesondere der Frage nachgegangen wird, ob KI eine explizite Erwähnung im Kompetenzmodell braucht, oder guten Gewissens und im Sinne der Stabilität des Rahmens als „mitgemeint“ verstanden werden kann.
Meinen persönlichen Standpunkt habe ich mir hier mittlerweile gebildet. Ich meine, dass die in mancherlei Hinsicht immer perfekter werdende Simulation von Phänomenen durch KI, die bislang ausschließlich Menschen vorbehalten waren, dazu führen muss, uns (als Menschen) des wesentlich Menschlichen neu bewusst zu werden. Im Sinne dieser Schärfung des Blickes, der Wahrnehmung und nicht zuletzt der Erziehung und Schulung der Gefühle meine ich, dass – wie früher Inklusion und Urteilsfähigkeit – nunmehr die Unterscheidung zwischen Mensch und Maschine (in all ihren Erscheinungsformen) zur Basis aufgeklärter digitaler Kompetenzen gehört und daher in den Kompetenzbereich 0. Grundlagen neu aufgenommen werden muss.
Mal sehen, was der im Mai zum Abschluss kommende Diskurs hier noch bringen wird.
Einige aktuelle Policy-Empfehlungen
- Breite Implementierung des DigComp im Bildungssystem: Die bisher pilotierte und erprobte Praxis der Zuordnung von formalen, non-formalen und informellen Bildungsprozessen zum DigComp hat sich als strategisch sehr wirksam erwiesen und muss ausgeweitet werden. Die dafür erforderlichen Ressourcen müssen geplant und nachhaltig finanziert vorhanden sein.
- Monitoring, Bündelung und ggf. Finanzierung von Forschung: Das begleitende Monitoring rund um den DigComp (AT) braucht Kontinuität der handelnden Personen und Institutionen sowie dafür erforderliche Ressourcen – fallweise auch für die Beauftragung von eigenständigen Forschungs- und Entwicklungsprojekten.
- Regelmäßige repräsentative Erhebung der digitalen Kompetenzen der Bevölkerung auf Basis des DigComp: Im Rahmen der fit4internet-Programme war es in einer mehrmaligen Iteration möglich, repräsentative Daten und Skalen auf DigComp-Basis zu erheben bzw. zu entwickeln und diese in ersten Schritten auch mit europäischen statistischen Daten (Stichwort: DSI Digital Skills Indicator) zu assoziieren. Diese Initiative liegt aktuell völlig brach und sollte wieder aufgenommen werden – in einem nächsten Schritt auch in Assoziation mit der internationalen ICILS-Studie, die das nächste Mal 2028 durchgeführt wird: https://www.iea.nl/studies/iea/icils/2028.
Autorenbeschreibung: Thomas Nárosy, BEd MBA MAS, geb. 1966, ist Pädagoge und selbständiger Berater und realisiert seit 1998 Projekte mit dem Schwerpunkt der digital-inklusiven Bildungsinnovation. Arbeitsschwerpunkte: Lernen, OER, Modelle digitaler Kompetenzentwicklung, Pädagog:innenbildung und Schulentwicklung, (Bildungs-)Systementwicklung sowie Policyentwicklung. Aktuell moderiert er eine Arbeitsgruppe, die Empfehlungen zur Weiterentwicklung des DigComp 2.3 AT insbesondere im Kontext von KI entwickelt.