Kritische Medienkompetenz gilt als zentrale Zukunftskompetenz und Voraussetzung für demokratische Gesellschaften. Was genau meint das Schlagwort? Und wie sieht die aktuelle Umsetzung aus? Ein Forschungsprojekt des Instituts für Konfliktforschung Wien befasste sich mit diesen Fragen.
Informationsüberflutung, Rückzug in Echokammern und algorithmusgesteuerte Filterblasen, gezielte Desinformation, KI-generierte Deep Fakes, Verschwörungsnarrative, der Verlust offener Diskussionsräume und eine daraus resultierende zunehmende Spaltung der Gesellschaft bedrohen unsere Demokratie – auf diese Diagnose können sich Vertreter:innen unterschiedlicher politischer Lager, Medienschaffende und Wissenschaftler:innen einigen.
Breiter Konsens besteht auch darüber, dass Medienbildung heute wichtiger denn je sei und, dass diese „kritisch“ zu sein habe. Kritische Medienkompetenz – so das oft diffus bleibende Verständnis – befähige zu rationalen Entscheidungen und selbstbestimmtem Handeln in einer immer unübersichtlicheren Welt, halte Gefahren der Digitalisierung hintan, immunisiere gegen Fehl- und Desinformation und trage damit entscheiden dazu bei, demokratische Teilhabe, Menschenrechte und nachhaltige Entwicklung sicherzustellen.
„Das Kritische“ dingfest machen
An konzeptuellen Überlegungen zur Medienkompetenz und ihrer „kritischen“ Ausgestaltung mangelt es nicht. Bereits seit den 1980er Jahren wurden dazu vielfältige Herangehensweisen entwickelt. Während diese Vielfalt – 2023 fand eine Analyse von 53 wissenschaftlichen Papers nicht weniger als 172 unterschiedliche Definitionselemente, die von den Autor:innen in höchst unterschiedlicher Form kombiniert wurden – in der akademischen Debatte als Bereicherung verstanden werden kann, wird sie für den Dialog zwischen Academia und Bildungspraxis rasch zum Problem. In vielen Fällen bleibt zudem offen, wie die hehren Ansprüche auf den Boden begrenzter Ressourcen zu bringen wären.
In der Bildungspraxis ist wiederum häufig eine kurzschlüssige Engführung „des Kritischen“ auf die Vermeidung von bzw. den Umgang mit Gefahren zu beobachten – Fact checking, Strategien gegen Online-Trolling oder der kompetente Umgang mit Daten(schutzbestimmungen) stehen dann im Zentrum. Während es sich dabei ohne Zweifel um wichtige Kompetenzen handelt, sind es doch – wie etwa Roberto Simanowksi ausführt – instrumentelle Fähigkeiten, die sich auf die sichere Nutzung aktueller Medientechnologien beziehen, nicht jedoch auf deren Reflexion oder gar ihre (Mit-)Gestaltung. Von einer ähnlich kritischen Analyse ausgehend argumentiert Paul Mihalidis, dass Kritische Medienbildung auf die Ausbildung gesellschaftlicher Handlungsfähigkeit ausgerichtet sein müsse, die weit über kompetenten Medienkonsum hinausgehe. Und nicht zuletzt ist auf ganz pragmatischer Ebene zu fragen, ob das Überprüfen des Wahrheitsgehalts einzelner Nachrichten aktuellen Formen der Mediennutzung – Stichwort: Scrolling im emotions- und interaktionsgetriebenen Nachrichtenfeed – angemessen ist.
Kritische Medienbildung in der Erwachsenenbildung
Vor diesem widersprüchlichen Hintergrund befasste sich ein 2024 abgeschlossenes Forschungsprojekt am IKF Wien mit Kritischer Medienbildung in der Erwachsenenbildung in Wien. Grob lassen sich die vor allem auf Interviews mit Expert:innen aus dem Feld basierenden Ergebnisse folgendermaßen zusammenfassen:
Erstens gehen berufs- und beschäftigungsorientierte Weiterbildungen in Sachen Medienkompetenz kaum über unmittelbare Nutzungskompetenzen hinaus. Aus Sicht der Nutzer:innen ebenso wie eventueller Fördergeber:innen stellen kritische, reflexive Ansätze keine unmittelbar berufsrelevanten Kompetenzen dar – dementsprechend schlecht verkaufen sie sich im wettbewerbsorientierten Feld der beruflichen Bildung.
Zweitens lassen sich über den breiten Bereich des freiwilligen „Hobby“-Lernens kaum zusammenfassende Aussagen machen. Einzelne Erwachsenenbildner:innen haben hier großen Spielraum bei der Gestaltung von Kursen – ob und wie (kritische) Medienkompetenz beispielsweise in Sprach- oder Fotokursen behandelt wird, ist daher unterschiedlich.
Drittens fanden wir relevante Angebote vor allem in Form von Sonderveranstaltungen oder Projekten. Bildungsakteur:innen außerhalb der großen Kursanbieter:innen sind dabei zentral. Zu nennen wären etwa öffentliche Bibliotheken, vielfältige Initiativen, Vereine oder Unternehmen, die sich an spezifische Zielgruppen (z.B. an Senior:innen oder Menschen mit besonderen Bedürfnissen) richten oder experimentellere Lernformen anbieten (z.B. Makerspaces). Außerdem treten Akteur:innen der politischen und historischen Bildung in den Blick. Sie kreieren zum Beispiel Online-Spiele, die sich mit Fake News im Bereich der politischen Information befassen, oder bieten Schulungen und Tools gegen Hassrede, um nur zwei Beispiele zu nennen. Nicht zuletzt spielen auch Community-Medien eine wichtige Rolle, indem sie Menschen jeden Alters die Möglichkeit bieten, selbst Medien zu gestalten.
Als spezielles Feld ist schließlich, viertens, der Bereich der Basisbildung zu nennen, der – u.a. durch ein gemeinsames Curriculum, das u.a. digitale Kompetenzen umfasst – deutlich stärker geregelt ist. Die Realität der Basisbildung ist allerdings von vielfältigen Herausforderungen gekennzeichnet, die die Umsetzung häufig zu einer zeitlichen und organisatorischen Herausforderung machen. Gleichzeitig sind digitale Kompetenz gerade für vielfach benachteiligte Zielgruppen essentiell. Die Kommunikation mit der eigenen Bank oder der Schule der Kinder, Behördengänge – all das erfordert heute auch digitale Kompetenzen. Dementsprechend wurden auch einige der innovativsten Projekte im Bereich der kritischen Medienkompetenz von Migrant:innen- und/oder feministischen Organisationen entwickelt.
Kritik im/als Tun
Gemeinsam ist diesen sehr unterschiedlichen Projekten – beispielhaft kann hier auf die Projekte DigiMe und DIGI LIFT des Vereins piramidops verwiesen werden, auf das dig_mit! Projekt der feministischen Migrantinnen*organisation LEFÖ oder den Podcast Frauenstimmen, den Integrationshaus und piramidops in Kooperation ermöglichten – dass sie den Ansatz „Bedienkompetenzen zuerst, Reflexion später“ verwerfen, und statt dessen kritische Ansätze von Anfang an ins (mediale) Tun integrieren. Partizipative und handlungsorientierte Settings, adäquate Methoden und das Eingehen auf die Bedürfnisse der Zielgruppe(n) ermöglichen auch Lerner*innen, die an bestimmten Basiskompetenzen arbeiten, kritische Herangehensweisen und Reflexion. Damit wird deutlich, dass die klare Trennung zwischen Bedien- und Reflexionskompetenzen, die sich in der akademischen Literatur findet, komplexen Bildungsrealitäten nicht gerecht wird. Die Forschung täte in diesem Sinn gut daran, Bildungspraxen verstärkt zu berücksichtigen.
Policy-Empfehlungen
- Adäquate und langfristige Finanzierung innovativer Bildungsangebote, um Nachhaltigkeit sicherzustellen. Dazu gehört auch die Finanzierung der notwendigen Infrastruktur.
- Anerkennung der Diversität der Bildungsträger:innen und Einbindung (auch) kleinerer Anbieter:innen in programmatische Entscheidungen.
- Digitale Exklusion als Problem anerkennen und durch Etablierung niederschwelliger Ansprech- und Beratungsstellen entschärfen.
Für eine ausführliche Version der Empfehlungen siehe die Projektergebnisse Kritische Medienkompetenz & Erwachsenenbildung in Wien.
Autorin:
Stefanie Mayer, Dr., Researcher am Institut für Konfliktforschung (IKF Wien) und Lektorin an österreichischen Universitäten und Fachhochschulen. Studium der Politikwissenschaft, Publikation der Dissertation unter dem Titel „Politik der Differenzen. Ethnisierung, Rassismen und Antirassismus im weißen feministischen Aktivismus in Wien“ (2018, Barbara Budrich, Open Access). Aktuelle Forschungsinteressen: Ideologien der Ungleichheit, Verschwörungsdenken, kritische Geschlechterforschung. Publikationen: „Global Perspectives on Anti-Feminism. Far-Right and Religious Attacks on Equality and Diversity“ herausgegeben mit Judith Goetz (2023, Edinburgh University Press, Open Access), „What’s Critical in Critical Media Literacy? Barriers and Good Practices in Adult Education“ mit Stefanie Fridrik, Josef Mühlbauer, Brigitte Temel, Viktoria Eberhardt in Journal for Media Education Literacy (i.E.).