Pax Romana steht für eine der prägendsten Friedensphasen der Weltgeschichte: Sie brachte dem Römischen Reich über 200 Jahre politische Stabilität und Wohlstand. Doch hinter dem Glanz verbargen sich auch Unterdrückung und militärische Gewalt. Der Beitrag beleuchtet kritisch die Ambivalenz der oftmals glorifizierten Pax Romana und zeigt, welche Lehren für die Herausforderungen von heute gezogen werden könnten.
Propaganda einer neuen Ära
Ihren Anfang nahm die Pax Romana, als Octavian, der spätere Kaiser Augustus, 31 v. Chr. Marcus Antonius in der Schlacht von Actium besiegte. In der Folge sorgte er dafür, dass sich die wichtigsten militärischen Anführer verbündeten, und beendete durch diesen klugen Schachzug die jahrzehntelangen Bürgerkriegswirren. Dies markierte den Übergang zu einer neuen, vergleichsweise friedlichen Ära, an welche die Bevölkerung erst „gewöhnt“ werden musste. Zu diesem Zweck nutzte Augustus geschickt Propagandamaßnahmen: Er schloss drei Mal die Tore des Janus-Tempels (die in Friedenszeiten geschlossen und in Kriegszeiten geöffnet waren) und weihte die vom Senat für ihn errichtete Ara Pacis, einen Brandopferaltar auf dem Marsfeld, ein. Auf Münzen und in der Literatur (vor allem von Vergil) ließ er die Pax Augusti und sich als den großen Friedensbringer preisen. Die personifizierte Pax hält in den Münzdarstellungen in der einen Hand den Lorbeerzweig, die Trophäe des siegreichen Feldherrn; in der anderen das Füllhorn, mit dem die Göttin den Frieden über die Bevölkerung des Römischen Reiches ausschüttete.
Wo viel Licht, da auch viel Schatten
Die Pax Romana brachte politische Stabilität, wirtschaftlichen Wohlstand und kulturell-zivilisatorische Errungenschaften, wie den Bau von beheizten Häusern, gepflasterten Straßen sowie soliden Aquädukten und Brücken. Sie schuf für Millionen von Menschen eine lang andauernde Sicherheitssphäre Gleichzeitig darf nicht vergessen werden, dass dieser Frieden durch militärische Gewalt und Unterwerfung zustande gekommen war und gesichert wurde. Zeitgenössische Stimmen wie Tacitus kritisierten die blutigen Grundlagen des Friedens („Pacem sine dubio post haec, verum cruentam“, ann. 1.10.4), denn für zahlreiche Völker bedeutete die Pax Romana nicht Freiheit, sondern die Besiegelung ihrer Unterwerfung unter Rom. Als ein Beispiel für sehr viele soll Dakien genannt werden, das von den Römern in grausamen Schlachten erobert wurde und dessen König Decebalus 106 n. Chr. den Freitod wählte, um der Gefangenschaft zu entgehen. Da in der kollektiven römischen Vorstellung bereits ein Krieg gerecht sein konnte (Konzept des bellum iustum), dann war für sie umso mehr der darauffolgende Friede gerecht und legitimiert.
Die Chance auf ein besseres Leben
Obgleich der Friede stets das Ergebnis eines siegreichen Krieges war (untrennbar waren für die Römer „Krieg, Sieg und Friede“ – verkörpert durch Mars, Victoria und Pax – miteinander verknüpft), war es für die Besiegten möglich, das römische Bürgerrecht zu erlangen, politische Ämter zu bekleiden, selbst Kaiser zu werden. In einer Rede, die bei Tacitus überliefet ist, formulierte es Kaiser Claudius treffend: „Da besaß doch der Gründer unseres Staates, Romulus, so viel Weisheit, dass er die Mehrzahl der Volksstämme am selben Tag als Feinde und dann als Bürger behandelte. Fremdlinge haben über uns geherrscht.“ (ann. 11.24: […] At conditor nostri Romulus tantum sapientia valuit ut plerosque populos eodem die hostis, dein civis habuerit. Advenae in nis regnaverunt. […]). Claudius verwendete diese Worte, um im Jahr 48 n. Chr. die Zustimmung der Senatoren zur Aufnahme gallischer Adliger, die bereits das römische Bürgerrecht besaßen, in den Senat zu erbitten. Die römischen Senatoren waren naturgemäß nicht sehr angetan davon, doch der Kaiser argumentierte, dass Spartaner und Athener die Besiegten stets wie Unterworfene behandelt hätten und daher in der Bedeutungslosigkeit verschwunden seien. Genau diesen fatalen Fehler solle nun der Senat nun eben nicht auch begehen. Diese Integration von Peregrinen und die Durchlässigkeit der gesellschaftlichen Hierarchien kennzeichneten auch die Phase der Pax Romana und trugen zur Stabilität und zum kulturellen Aufschwung bei.
Abschließende Bemerkungen / Key messages
- Die Pax Romana wurde nicht nur von ihrem Begründer, Kaiser Augustus, seinen Nachfolgern und vielen Zeitgenossen gerühmt und gefeiert; auch spätere Stimmen – in diversen Wissenschaftszweigen – glorifizieren diese Epoche der römischen Geschichte und erkennen in ihr gleichsam ein „goldenes Zeitalter“. Hier gilt es kritisch zu bleiben und die Zeitzeugnisse zu hinterfragen.
- Immer zu berücksichtigen ist die Frage, wie ein Friede zustande kommt. Die Pax Romana war untrennbar mit dem imperium, der von Rom ausgehenden Befehlsgewalt, verknüpft. Es handelte sich um einen Frieden, der ‚von oben‘ bestimmt sowie durch militärische Macht hergestellt und gewahrt wurde.
- So grausam die römischen Armeen in der Eroberung fremder Gebiete waren, so offen zeigte sich die römische Gesellschaft gegenüber den Unterworfenen nach dem Sieg. Wer gestern noch ein Feind war, konnte heute römischer Bürger, sogar Magistrat oder Kaiser werden. Aus Peregrinen wurden innerhalb kürzester Zeit Römer, die Besiegten wurden nicht bleibend unterdrückt, sondern es wurden ihnen (Aufstiegs-)Chancen innerhalb der römischen Gesellschaft geboten, Menschen aus den Provinzen waren Akteure, keine Opfer. Dieses Integrationsmodell trug ganz wesentlich zum Erfolg der Pax Romana
Fazit
Die Pax Romana war eine Zeit des Friedens und Wohlstands für viele Menschen, aber auch eine Epoche der Unterdrückung und Gewalt für andere. Ihr Erfolg beruhte auf einer gelungenen Mischung aus militärischer Stärke, geschickter Propaganda und gesellschaftlicher Integration. Die Art und Weise, wie die ehemaligen Feinde und ‚neuen Bürger‘ in die römische Gesellschaft aufgenommen wurden, könnte als Inspiration für die heutige Friedens- und Integrationspolitik dienen.
Autorin:
Marlene Peinhopf, geb. 1978; Senior Scientist am Fachbereich Römisches Recht am Institut für Rechtswissenschaftliche Grundlagen der Universität Graz und Übersetzerin. Forschungsschwerpunkte: römisches Zivil- und Strafrecht sowie Strafprozessrecht, Recht und Rhetorik in der Antike, Verwendung griechischer Termini in den Digesten.